Wenn Routine trotzdem nicht beruhigt
- Greta Brenken
- 12. Juni
- 3 Min. Lesezeit
Meine Implantatausweise liegen vor mir auf dem Tisch. Es werden immer mehr. Jede Karte steht für eine Entscheidung, eine Operation oder einen Abschnitt meines Lebens, den ich mir anders gewünscht hätte.
Ich wollte nie eine Sammlung von Implantatausweisen besitzen. Es ist mittlerweile so viel Technik verbaut, dass ich mich frage, ob mein Körpergefühl noch mir gehört. Ich sitze da und die Frage, die ich sonst bewusst aus meinen Gedanken ausblende, taucht auf: Wie würde sich mein Leben anfühlen, wenn diese Karten nie notwendig geworden wären?
Ich ziehe nach und nach meinen Schmuck ab. Zuerst meine Ringe. Finger für Finger. Meine Armbänder. Meine Ketten. Ich ziehe das alles immer nur für diese Untersuchung aus. Ich wechsel meinen Schmuck auch nie. Er hat Kontinuität für mich. Er gibt mir Sicherheit.

Ich muss den Fragebogen ausfüllen. Auf dem Papier ist es nur ein MRT-Termin. Warum fühlt es sich dann jedes Mal an, als würde so viel davon abhängen?
Irgendwann ist der Moment gekommen, an dem ich nichts mehr vorbereiten kann. Der Schmuck liegt in der Schale, der Fragebogen ist ausgefüllt und alles, was bleibt, ist Warten. Und genau in diesem Warten fangen meine Gedanken an zu arbeiten.
Später liege ich im MRT. Den Käfig um den Kopf, im Spiegel erkenne ich die nette Pflegerin im Vorzimmer sitzen. Ich hasse diese Untersuchung. Ich hasse sie bodenlos. Das hat sich in den sechszehn Jahren nicht geändert. Ich könnte niemals währenddessen einschlafen. Also brauche ich ein Mantra. Ein Ablenkungsmanöver. Ich greife zu etwas, das ich immer vor Operationen im Vorbereitungsraum mache. Ich analysiere den Raum. Was sehe ich? Was löst der Raum in mir aus? Welche Emotionen spüre ich? Was kann ich riechen? Alles, um meine Gedanken nicht zu weit wandern zu lassen.
Denn sobald ich ihnen zu viel Raum gebe, landen sie immer an derselben Stelle.
Was, wenn etwas gewachsen ist?
Was, wenn sich etwas verändert hat?
Was, wenn nach diesem MRT Gespräche geführt werden müssen, die ich mir gewünscht habe, in den nächsten Monaten nicht führen zu müssen?
Und obwohl ich taub bin, kann ich die unterschiedlichen Töne anhand der Vibration wahrnehmen und unterscheiden.
Das Seltsame ist, dass das Leben dazwischen ganz normal weiterläuft.
Ich fahre nach Hause. Ich beantworte Nachrichten und räume die Spülmaschine aus. Es fühlt sich falsch an, dass ein Tag mit so viel Bedeutung am Ende genauso aussieht wie jeder andere.
Weil ich gleichzeitig weiß, dass irgendwo auf einem Server Bilder gespeichert sind, die darüber entscheiden könnten, ob dieser Alltag genauso weitergeht wie bisher.
Diese beiden Realitäten existieren nebeneinander.
Die Normalität.
Und die Möglichkeit, dass sich etwas verändert hat.
Zurück zu Hause bestellen wir Pizza.
Wir sitzen am Tisch, reden über völlig belanglose Dinge und streiten darüber, wer das letzte Stück bekommt.
Und gleichzeitig weiß ich, dass wenige Stunden zuvor eine Untersuchung stattgefunden hat, die alles, was ich gerade für selbstverständlich halte, infrage stellen könnte.
Vielleicht ist das das, was an chronischen Erkrankungen so schwer greifbar ist. Ich habe mich an vieles gewöhnt. An Arzttermine. An MRTs. An Befunde. An Worte, die ich früher nicht einmal aussprechen konnte.
Menschen sagen dann manchmal: "Du kennst das ja inzwischen."
Und ja, ich kenne die Abläufe. Ich weiß, wo ich mich anmelden muss. Ich weiß, welche Fragen gestellt werden. Ich weiß, wie sich die Liege anfühlt und an welcher Stelle das MRT besonders laut vibriert.
Aber Routine bedeutet nicht automatisch Sicherheit.
Denn das, was mir Angst macht, ist nicht die Untersuchung selbst. Es ist die Tatsache, dass sie jederzeit etwas zeigen könnte, das gestern noch kein Thema in einem Körper war, der längst nicht mehr nur meiner Geschichte gehört.


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