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Ich will nicht stärker sein müssen, als das System, in dem ich lebe

  • Greta Brenken
  • 21. Apr.
  • 3 Min. Lesezeit

Ich wurde von der Enquete-Komission und der Kinderkomission des Bundestags zur Veranstaltung "Generation Corona - Aufarbeitung der Corona-Pandemie und Lehren für zukünftige pandemische Ereignisse" eingeladen. Eine Einladung, die auf dem Papier nach Anerkennung klingt, nach Zuhören, nach dem Versuch zu verstehen. Und während ich darüber nachdachte, was ich dort sagen will, kamen nicht zuerst politische Forderungen in mir hoch, sondern Erinnerungen. Ambivalente Erinnerungen, die sich nicht in Statistiken fassen lassen und die viel darüber erzählen, wie Teilhabe in der Pandemie für mich tatsächlich ausgesehen hat.


Zu sehen ist Gretas Hand, die ein Namensschild mit Umhängeband hält. Darauf ist der Name der Veranstaltung sowie Gretas voller Name zu sehen.
Zu sehen ist Gretas Hand, die ein Namensschild mit Umhängeband hält. Darauf ist der Name der Veranstaltung sowie Gretas voller Name zu sehen.

Ich denke an all die Gesprächsversuche zurück, die scheiterten, weil Masken für mich nicht einfach Schutz waren, sondern eine meiner größten Barrieren. Ich denke an die soziale Isolation zurück, die sich dadurch entwickelt hat. Einsamkeit. Medizinisches Unverständnis. Höherer Energieaufwand. Wie oft Informationen mich als Mensch mit Hörbehinderung nicht allumfassend erreicht haben. Wie dankbar ich auf der anderen Seite genau für diese Entschleunigung war, zu Hause viel Zeit verbringen zu müssen. Weil ich für einen Moment nicht ständig mithalten musste mit einer normgesunden Welt, die sonst immer ein Tempo vorgibt, das nicht meins ist. Wie schwer es war, das Studium unter den Umständen zu beginnen und mit wie viel Bürokratie es verbunden war, all das zu meistern, was kaum gesehen wurde. Dolmetscher*innen, Tonaufnahmen, die nicht zugänglich waren, Online-Seminare an denen ich nicht teilnehmen konnte, weil meine Teilhabe nicht sichergestellt war.


Wenn Verstehen über den eigenen Körper entscheidet

Besonders präsent geblieben sind mir Situationen im medizinischen Kontext. Gespräche, in denen ich genickt habe, obwohl ich nicht sicher war, ob ich alles verstanden habe. Nicht, weil ich nicht nachfragen wollte, sondern weil ich irgendwann nicht mehr die Energie hatte, es ein drittes oder viertes Mal zu tun.

Und gleichzeitig ging es genau in diesen Momenten um Entscheidungen über meinen eigenen Körper. Entscheidungen, bei denen ich eigentlich Sicherheit brauchte, Klarheit, ein Gefühl von Kontrolle. Stattdessen blieb Unsicherheit. Und niemand, den ich kurz hätte anschauen können, um mich rückzuversichern. Niemand, der einfach da ist und sagt: Ja, ich habe das genauso verstanden. Denn oft durfte mich keine Begleitperson begleiten.

Diese Zeit war geprägt von einem ständigen Mehr an Aufwand. Mehr erklären, mehr organisieren, mehr Energie investieren. Nur um auf ein Niveau zu kommen, das für andere selbstverständlich war. Informationen haben mich nicht immer vollständig erreicht. Und selbst wenn sie ankamen, bedeutete das nicht automatisch, dass ich sie auch wirklich nutzen konnte.


Studieren ohne Zugang

Parallel dazu begann mein Studium. Eine Phase, die eigentlich davon lebt, dass man ankommt, Menschen kennenlernt, sich orientiert. Stattdessen saß ich vor einem Bildschirm. Allein. Es gab keinen Moment des „neben jemandem Sitzens“, kein leises Nachfragen nach der Vorlesung, kein gemeinsames Nicht-Verstehen.

Und genau diese kleinen Momente fehlen nicht nur - sie sind entscheidend. Dort entstehen Verbindungen, dort klären sich Inhalte, dort entwickelt sich ein Gefühl dafür, wie Dinge funktionieren. Mir hat dieser Raum von Anfang an gefehlt.

Es war nicht so, dass die Inhalte zu schwer gewesen wären. Es fehlte der Zugang zu ihnen. Der Kontext, die Gespräche, das Dazwischen. Ich hatte keinen Ort, an dem ich mir Wissen auf die gleiche Weise aneignen konnte wie andere.

Und diese Lücke bleibt nicht einfach in der Vergangenheit.

Wer ohne Orientierung startet, ohne Netzwerk, ohne dieses implizite Wissen darüber, wie Dinge laufen, trägt das weiter. Ins Studium, in den Übergang, ins Berufsleben. Man kennt die Spielregeln nicht so selbstverständlich, man hat weniger Menschen, die man schnell fragen kann und man beginnt schneller, an sich selbst zu zweifeln.

Obwohl das Problem nie das eigene Können war.

Wenn ich heute darüber spreche, dann geht es mir nicht darum, einzelne Situationen nachträglich zu bewerten. Es geht mir darum, sichtbar zu machen, was strukturell passiert ist. Welche Lücken es gab. Und für wen sie besonders groß waren.

Denn die zentrale Frage ist für mich nicht, wie Menschen lernen können, noch belastbarer zu werden.

Sondern warum sie es müssen.


Was sich ändern muss

Ich will nicht stärker sein müssen als das System, in dem ich lebe.

Ich wünsche mir ein System, das von Anfang an mitdenkt. Das Barrieren nicht erst dann erkennt, wenn jemand daran scheitert. Das Teilhabe nicht zur individuellen Aufgabe macht, sondern zur gemeinsamen Verantwortung.

Vielleicht liegt genau darin eine der wichtigsten Lehren aus dieser Zeit: Dass Krisen nicht nur neue Probleme schaffen, sondern bestehende sichtbar machen. Dinge, die vorher schon nicht funktioniert haben, aber leichter zu übersehen waren.

Und vielleicht besteht Hoffnung genau darin, dass wir diesmal genauer hinsehen.

Dass wir nicht wieder vergessen, was offensichtlich geworden ist.

Und dass wir anfangen, Strukturen so zu gestalten, dass niemand mehr stärker sein muss, als das System, in dem er oder sie lebt.

 
 
 

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Farbfoto einer jungen Frau mit schulterlangen Haaren, die in die Kamera lächelt. Sie trägt eine Strickjacke mit hellblau-weißem Rautenmuster und mehrere Ketten. Vor ihr liegt ein orangefarbener Stift und ein schwarzes IPad auf dem Tisch.

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