When you believe
- Greta Brenken
- 28. Aug.
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 7 Tagen
"How the heartaches come and they go and the scars they're leavin'
You'll be dancing once again and the pain will end" trällert durch unser Roadtrip-Auto.
Wir sind diesmal auf dem Rückweg von València. Lieder von ABBA sind eine der Gemeinsamkeiten, die wir vier Freund*innen teilen. Wir hören sie rauf und runter, singen schief mit und haben sogar mal bei einem Karaoke-Abend „Mamma Mia“ gesungen. Ich kann euch sagen: Es war ein Fest.

Und während ich dort mit ihnen im Auto sitze, denke ich darüber nach, wie normal sich das in diesem Moment anfühlt.
Eine Playlist im Auto. Laut mitsingen. Sich über die eigenen schiefen Töne kaputtlachen.
Für viele Menschen ist das nichts, was sie besonders hinterfragen.
Für mich schon.
Denn ohne meine Hirnstammimplantate wäre dieser Moment heute nicht mehr Teil meines Lebens.
Oft kann ich es immer noch nicht glauben, dass ich Musik wieder hören und genießen kann. Ich könnte jedes Mal heulen, wenn ich meine Playlist starte. Natürlich ist es immer dieselbe. Nö, sie wird nicht langweilig.
Die Lieder sind längst nicht mehr einfach nur Lieder. An ihnen hängen Erinnerungen, Menschen, Orte, bestimmte Versionen von mir. Manche Songs bringen mich innerhalb weniger Sekunden irgendwohin zurück, obwohl ich eigentlich gerade nur auf dem Beifahrersitz eines Autos sitze, das irgendwo durch Spanien fährt.
Wenn mich jemand nach meinen Hobbys fragt, sage ich deshalb manchmal gerne: Autofahren.
Nicht, weil ich besonders viel Freude daran habe, von A nach B zu kommen.
Autofahrten sind meine private Disco.
Kopf abschalten. Musik an. Mitsingen. Völlig übertriebene Emotionen und ich.
Und vielleicht berühren mich diese kleinen Momente heute auch deshalb so sehr, weil ich einmal große Angst davor hatte, dass genau sie irgendwann nicht mehr zu meinem Leben gehören würden. Zwischen meinem 13. und 18. Lebensjahr hatte ich große Angst davor, irgendwann zu ertauben. Ich wusste, dass es passieren würde, aber nicht wann. Und ich wusste nicht, wie mein Leben danach aussehen würde.
Mein Doc hatte mir damals schon von der Möglichkeit eines Hirnstammimplantats erzählt. Es gab also diese Option. Dieses kleine Wort, das nach Hoffnung klingt und gleichzeitig überhaupt nichts garantiert.
Denn niemand konnte mir sagen, ob es bei mir funktionieren würde.
Ob ich mit den Implantaten Sprache verstehen könnte. Ob Musik für mich jemals wieder mehr sein würde als eine Erinnerung.
Und vielleicht habe ich mich auch deswegen in dieser Zeit sehr an ein Lied geklammert. „When you believe“ von Mariah Carey und Whitney Houston. Meine stärkste und toxischste Eigenschaft ist, dass ich sehr stur bin. Ich habe mir so sehr in den Kopf gesetzt, dass diese Implantate bei mir funktionieren werden und ich so viel trainiere und möglich mache, damit sich ein Hören entwickeln kann.
Und dann kam der Moment, in dem aus Angst Realität wurde.
Mit meinem ersten Hirnstammimplantat konnte ich eine Zeit lang überhaupt keine Musik hören. Ich konnte keine Sprache verstehen. Geräusche waren da (und auch das war ein Erfolg), aber sie ergaben keinen Sinn. Und plötzlich war etwas, das vorher einfach zu meinem Leben gehört hatte, nicht mehr selbstverständlich.
Ich habe damals eine Weile gar keine Musik mehr gehört.
Vielleicht, weil es zu wehgetan hat.
Und dann habe ich sie ganz langsam wieder in mein Leben gelassen. Ein Lied. Noch eins. Immer wieder. Ich habe mich zurückgetastet in etwas, das früher so selbstverständlich war. Und dabei erst gemerkt, wie sehr Musik mir gefehlt hat.
Trotzdem kamen die Zweifel immer wieder. Nach der ersten und vor der zweiten Implantation habe ich immer wieder überlegt, ob ich diesen Weg noch einmal gehen möchte und kann. Menschen aus meinem nahen Umfeld mussten mich teilweise überzeugen, es noch einmal zu wagen. Und schließlich bin ich den Weg zweimal gegangen. Die finale Entscheidung für das zweite Implantat fiel übrigens 10 Stunden vor dem Eingriff am Abend vorher gemeinsam mit meinen Eltern und meinem Doc.
Wenn ich heute Musik höre, dann höre ich nie nur Musik. Ich höre ein bisschen von diesem Mädchen mit. Das Bangen. Das Trauern. Das Zweifeln. Die vielen Tränen. Die Sturheit, die mich manchmal selbst genervt hat. Und diese Erleichterung darüber, dass aus einer Möglichkeit mein neuer Alltag geworden ist.


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