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Die andere Seite des Wartezimmers

  • Greta Brenken
  • 22. Juli
  • 2 Min. Lesezeit

Ich betrete die Praxis, in die ich jahrelang mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Ungewissheit gegangen bin.

Denn mein HNO-Arzt hatte eine Aufgabe, die wahrscheinlich niemand gerne übernimmt. Er musste mir Antworten auf Fragen geben, vor denen ich mich jedes Mal gefürchtet habe.


Wie entwickelt sich mein Hören? Schreitet der Hörverlust weiter fort? Kommt die drohende Ertaubung näher?


Die Mitarbeiterinnen an der Rezeption erkennen mich sofort und begrüßen mich herzlich.


Ich hasse es, chronisch krank zu sein.

Und gleichzeitig liebe ich es, dass über die Jahre zu so vielen Menschen im Gesundheitswesen ein herzliches Verhältnis entstanden ist. Dass aus fremden Gesichtern vertraute geworden sind.

Heute bin ich Begleitperson. Ich begleite und werde ausnahmsweise nicht begleitet.

Zum ersten Mal nehme ich in der Praxis die andere Perspektive ein. Eine, die sich überhaupt nicht viel entspannter anfühlt. Denn ich fiebere genauso mit, als ginge es um mich selbst.

Ich erinnere mich daran, dass ich vor Hörtests früher immer nervös war. Je stiller ich war (und damit meine ich wirklich: so wenig bewegen wie nur möglich), desto eher glaubte ich als junges Mädchen, die Töne wahrnehmen zu können. Als könnte ich mein Gehör mit absoluter Bewegungslosigkeit überlisten.


Zu sehen sind übereinandergeschlagene Beine in blauer Jeans auf Parkettboden und einem grünen Stuhl sitzend. Auf dem Boden steht eine dunkelrote Tasche und türkis-rosane SChuhe sind zu erkennen.
Zu sehen sind übereinandergeschlagene Beine in blauer Jeans auf Parkettboden und einem grünen Stuhl sitzend. Auf dem Boden steht eine dunkelrote Tasche und türkis-rosane Schuhe sind zu erkennen.

Das Wartezimmer ist voll. Menschen scrollen durch ihre Handys, blättern in Zeitschriften oder sitzen schweigend da. Gegenüber von mir sitzt eine Mutter mit ihrer Tochter. Sie ist vielleicht elf Jahre alt. Immer wieder verdreht sie die Augen und rutscht unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. Ich muss lächeln. Das könnte ich sein. Vor vierzehn Jahren.

Zweimal geht die Mutter zur Rezeption und erkundigt sich, wann sie an der Reihe sind. Sie warten seit zwanzig Minuten. In diesem Moment wird mir bewusst, wie unterschiedlich Normalität sein kann.

Zwanzig Minuten können sich lang anfühlen, das verstehe ich. Gleichzeitig denke ich daran, wie viele Stunden Menschen mit chronischen Erkrankungen in Wartezimmern verbringen. Wie oft Termine den Alltag bestimmen. Wie selbstverständlich all das irgendwann wird, obwohl es das eigentlich nie sein sollte.


Nach einer ganzen Weile kommt die Person, die ich begleite, von den Untersuchungen zurück.

„Ich hätte nicht gedacht, dass das so anstrengend ist“, sagt sie. Ich nicke.

Denn genau das waren jahrelang meine Termine. Über mehr als zehn Jahre. Alle paar Monate. Erst heute, als ich auf der anderen Seite saß, wurde mir bewusst, wie viel Kraft mich diese Termine eigentlich gekostet haben. Und dass ich irgendwann ganz selbstverständlich damit aufgehört habe, das Außergewöhnliche daran zu sehen.


Für mich war es einfach Alltag geworden.




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Greta sitzt vor einer weißen Wand und blivkt in die Kamera. Sie hält einen Stift über einem Notizbuch und trägt eine Jacke mit Rauten sowie ihre Haare offen.

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