Leben mit NF2: An den Menschen, der gerade googelt
- Greta Brenken
- 27. Juni
- 3 Min. Lesezeit
Vielleicht sitzt du gerade mit dem Smartphone in der Hand im Flur einer Klinik. Vielleicht bist du auch zu Hause, das Zimmer ist dunkel und auf deinem Bildschirm flackern die ewig gleichen, sterilen medizinischen Fachbegriffe: Neurofibromatose Typ 2. Seltene Erkrankung. Nervensystem. Tumore. Vielleicht hast du diese Diagnose gerade erst bekommen. Oder du wartest auf den nächsten Befund. Und du hast Angst. In deinem Kopf existieren hunderte von Fragen und Sorgen gleichzeitig.
Ich weiß das. Weil ich diesen Moment kenne. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn die Welt von einer Sekunde auf die andere stillsteht und das eigene Leben plötzlich wie ein unlösbares Rätsel vor einem liegt. Ich kenne das Gefühl, komplett alleine mit Fragen zu sein, auf die niemand eine einfache Antwort hat.
Deshalb schreibe ich diesen Text für dich. Nicht als Ärztin, sondern als jemand, die diesen Weg seit vielen Jahren geht. Ich möchte dir die Dinge sagen, die ich damals so dringend gebraucht hätte, als ich verzweifelt gegoogelt habe.
1. Du bist mehr als ein Befundbericht
Mit NF2 konfrontiert zu werden, bedeutet auch, dass die Welt plötzlich nur noch aus MRT-Terminen, Hörtests und medizinischen Prognosen besteht. Ich hatte, gerade in meiner Jugend, oft das Gefühl, meine Identität schrumpft zusammen, bis nur noch der Name der Erkrankung übrig bleibt.
Aber: Du bist nicht deine Diagnose. Du bist immer noch du. Mit deinen Träumen, deinem Humor, deinen Stärken und deiner Persönlichkeit. Die NF2 wird ein Teil deines Lebens werden, ja. Sie wird Entscheidungen beeinflussen und Herausforderungen mit sich bringen. Aber sie hat nicht das Recht, deine ganze Geschichte zu schreiben.

2. Deine Angst darf da sein (und deine Wut auch)
In den Broschüren lese ich häufig von „positivem Denken“ und „Akzeptanz“. Aber die Wahrheit ist: Am Anfang ist da oft erst mal nur Chaos. Es ist okay, wütend zu sein. Es ist okay, Angst vor der Zukunft zu haben, Angst vor dem Kontrollverlust, Angst vor dem nächsten MRT.
Erlaube dir diese Gefühle. Sie zu verdrängen, kostet nur die Kraft, die du jetzt für dich brauchst. Ein Leben mit NF2 bedeutet auch, zu lernen, mit der Ungewissheit zu leben. Das bricht einen nicht, es macht einen auf eine ganz leise, tiefgründige Weise stark. Aber diese Stärke muss nicht an Tag eins fertig sein. Sie wächst.
3. Es gibt ein Leben jenseits der Arztberichte
Die medizinischen Texte im Netz beschreiben oft nur die biologischen Fakten. Was sie nicht beschreiben, sind die schönen Tage. Sie schreiben nicht darüber, dass Menschen mit NF2 trotz allem Spaß haben. Dass sie Beziehungen führen, Erfolge feiern, glücklich sind.
Mein Weg hat mich unter anderem in die vollständige Ertaubung geführt. Wenn mir das jemand als Jugendliche gesagt hätte, hätte ich gedacht: Dann ist mein Leben vorbei. Ich hatte so viel Angst vor diesem Moment. Aber so war es dann gar nicht. Kommunikation und das Miteinander haben sich verändert, radikal. Es hat neue Wege gebraucht, neue Strategien, viel Geduld. Aber es hat auch ganz viel mit sich gebracht, was ich heute sehr schätze.
4. Willkommen im Dschungel der Anträge
Reden wir kurz Klartext abseits der Medizin: NF2 bedeutet leider auch, dass du dich mit Formularen, Krankenkassen, Ämtern und Zuständigkeiten herumschlagen wirst. Strukturen, die eigentlich helfen sollen, fühlen sich oft an wie ein einziger Fulltime-Job, für den wir nie eine Bewerbung abgeschickt haben.
Wenn du das Gefühl hast, an diesem System zu verzweifeln: Das liegt nicht an dir. Es ist das System. Und genau dafür gibt es Menschen, die diesen Bürokratie-Dschungel schon durchgearbeitet haben und dir zeigen, welche Abkürzungen es gibt.
5. Die Sache mit den Reaktionen der anderen
Sobald die Diagnose im Raum steht, verändert sich oft auch das Umfeld. Du wirst Menschen erleben, die aus reiner Unsicherheit wegschauen. Und du wirst Menschen erleben, die dich plötzlich mit Mitleid überschütten oder mit ungefragten Ratschlägen um die Ecke kommen. Das ist meistens gut gemeint, im Alltag aber oft einfach nur wahnsinnig anstrengend.
Du musst jetzt nicht die Erwartungen anderer erfüllen oder dich dafür rechtfertigen, wie du mit der Situation umgehst. Du musst niemanden beruhigen, dem deine Diagnose nahegeht. Es ist deine Realität und dein Tempo. Du darfst Grenzen setzen, du darfst genervt sein und du darfst entscheiden, wer und was dir gerade guttut.
Das Wichtigste im Leben mit NF2: Du bist nicht allein
Mit das Schlimmste an einer seltenen Erkrankung ist das Gefühl der Isolation. Zu denken, dass niemand versteht, was im eigenen Kopf vorgeht, wenn man im Wartezimmer sitzt.
Aber du bist nicht allein. Es gibt eine Community. Es gibt Menschen, die genau diese Stolpersteine kennen, die unbewussten Vorurteile, die schlaflosen Nächte und die Strategien, wie man trotzdem aufrecht bleibt.
Wenn du diesen Text liest und das Gefühl hast, die Last gerade nicht allein tragen zu können: Du musst es auch nicht. Medizinische Fakten bekommst du von den Ärzten. Aber wenn du über die Dinge sprechen willst, die in keinem Befundbericht stehen - den ganz normalen Alltagswahnsinn mit NF2 - dann meld dich gerne bei mir.

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