Wie zugänglich ist Beratung, wenn du sie wirklich brauchst?
Ich schaue auf meinen Rechner. Fünf verschiedene psychosoziale Beratungsangebote stehen auf meiner Liste. Für meinen Auftraggeber, das Kindernetzwerk e.V., soll ich herausfinden, wie niedrigschwellig ich als Mensch mit Erkrankung und Behinderung die Beratungen in Anspruch nehmen kann.
Ich würde gerne sagen, dass ich bei allen positiv überrascht wurde, doch dem war nicht so. Und auch das überrascht mich leider nicht. Barrieren existierten, noch bevor ich mich überhaupt in der Beratung befand.
Eine meiner Ansprechpartnerinnen sagte mir zu Beginn der Zusammenarbeit, dass ich mich zurückversetzen könnte in schwierige Situationen im Jugendalter und mit dem Wissen, das ich heute habe, beobachten soll, ob mir in einer schweren Zeit geholfen werden kann. Also überlegte ich mir fünf individuelle Situationen. Ich wollte möglichst viele Lebensrealitäten abdecken und gleichzeitig Probleme sichtbar machen, mit denen Jugendliche oft konfrontiert sind: Mobbing, Rückzug, Überforderung, fehlende Selbstbestimmung, der Wunsch nach sozialen Kontakten.
Dabei ging es mir nicht darum, die Beratungsangebote auf die Probe zu stellen oder ihnen möglichst viele Stolpersteine in den Weg zu legen. Ich wollte wissen, was passiert, wenn eine junge Person mit einer Behinderung und/oder Erkrankung ganz selbstverständlich mit ihrem Anliegen auftaucht.
Wie leicht findet sie überhaupt den Weg zur Beratung?
Was passiert, wenn sie eine bestimmte Form der Kommunikation braucht?
Wird ihre Behinderung als Teil ihrer Lebensrealität verstanden oder wird sie plötzlich selbst zum Problem, das es zu bearbeiten gilt?
Und vor allem: Geht sie am Ende mit dem Gefühl aus dem Gespräch, tatsächlich ein Stück weitergekommen zu sein?
Schon beim Anschauen der einzelnen Websites realisiere ich, wie unterschiedlich Barrierefreiheit verstanden werden kann. Auf zwei Seiten gibt es keinerlei Hinweis darauf, zwei andere sind stark auf Sehbehinderung ausgerichtet und nur eine Seite bietet mehrere unterschiedliche Möglichkeiten an, darunter auch Gebärdensprache sowie Leichte und Einfache Sprache.
Und auch wenn der erste Kontakt schließlich gelang, war damit für mich noch lange nicht geklärt, ob die Beratung tatsächlich zugänglich ist.
In den Gesprächen und Nachrichten erlebte ich sehr unterschiedliche Dinge. Manchmal bekam ich viele Informationen, fast zu viele auf einmal. Viel Text, lange und mehrere tiefgehende Fragestellungen. Teilweise musste ich diese Nachrichten mehrfach lesen, weil ich nicht alle Informationen gleichzeitig aufnehmen konnte. An anderer Stelle funktionierte die Kommunikation erstaunlich gut, weil sich mein Gegenüber unmittelbar auf eine von mir gewünschte Form der Kommunikation einstellte. Das nahm eine Barriere für mich, löste aber nicht mein Problem, weshalb ich mich dorthin gewandt hatte.
Beim dritten Test merkte ich, wie sehr Zeit selbst zu einer Barriere werden kann. Wenn zwischen Nachrichten zwei Tage liegen, verändert das die Dynamik eines Gesprächs. Ich hatte nicht das Gefühl, mich in einer laufenden Beratung zu befinden und da es sich bei diesem Angebot um eine Akut-Sprechstunde handelte, fragte ich mich, wie es gewesen wäre, wenn ich mich wirklich in einer absoluten Notfallsituation dort gemeldet und keine bzw. erst Tage später Hilfe bekommen hätte?
Und dann gab es diese eine Beratung, in der ich mich ernst genommen gefühlt habe. In der so wichtige Fragen in Bezug auf Behinderung gestellt wurden, dass mein Gegenüber sensibilisiert für das Thema gewesen sein musste. Wo ich mit konkreten Ideen aus dem Gespräch ging und wirklich das Gefühl hatte “wow, das war wertvoll". Allerdings musste ich das Angebot zehnmal telefonisch kontaktieren, bis jemand drangegangen ist. Wenn ich das Angebot nicht hätte prüfen müssen, wäre mir zu dem Zeitpunkt schon die Freude vergangen, es noch einmal zu versuchen.
Genau diese Unterschiede finde ich besonders spannend.
Denn Fragen zu stellen ist nicht dasselbe wie weiterzuhelfen. Verständnis zu zeigen ist wichtig, aber manchmal braucht es zusätzlich eine konkrete Möglichkeit, einen nächsten Schritt oder schlicht das Gefühl: Jemand hat verstanden, worum es mir gerade tatsächlich geht.
Eine Perspektive, die Veränderung anstößt
Ich habe fünf Beratungsangebote getestet und dabei sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Keines davon lässt sich einfach auf alle anderen Menschen übertragen. Was für mich hilfreich war, muss für eine andere Person nicht genauso passen. Unabhängig davon, dass sich unterschiedliche Lebensrealitäten und Konflikte nicht mit denselben Strategien lösen lassen, sind es manchmal einfach die kleinen Dinge, die darüber entscheiden, ob sich jemand gut aufgehoben fühlt: eine verständliche Antwort, eine konkrete Idee, ein ernst gemeintes Nachfragen oder die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wie viel man erzählen möchte.
Aber genau deshalb finde ich diese Perspektive wichtig. Nicht, weil eine einzelne Erfahrung Antworten für alles und jeden liefert, sondern weil sie Fragen sichtbar machen kann, die sonst vielleicht gar nicht gestellt werden.
Wie zugänglich ist Hilfe wirklich, wenn man sie braucht?
Und was müsste sich verändern, damit eine junge Person nicht erst lernen muss, wie sie sich durch ein Angebot kämpft, bevor sie überhaupt Unterstützung bekommen kann?
Genau solche Fragen bringe ich in Projekte rund um Disability Awareness, Inklusion und Barrierefreiheit ein: aus der Perspektive einer Person, die nicht nur darüber spricht, sondern selbst immer wieder erlebt, wo Strukturen funktionieren und wo sie es nicht tun.
Falls auch du im Bereich Disability Awareness eine selbstbetroffene Perspektive suchst, melde dich gern hier.
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