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Was hat es dir gebracht?

Greta Brenken
1. Okt.
3 Min. Lesezeit

"Es ist eine Erfahrung, aus der du etwas fürs Leben mitnehmen kannst.", sagt sie.

Ich nicke. Ich habe keine Lust, ihr zu erzählen, was sich hinter diesem Nicken versteckt. Dass ich nichts davon für mein Leben mitnehmen wollte. Dass ich einfach nur auf die Erfahrung hätte verzichten können.

Dass ich durch all diese Erfahrungen nicht resilienter, reifer und dankbarer werden wollte.


Viele Menschen wollen aus einer Krankheit eine positive Lektion machen, wenn sie nicht wissen, was sie sagen sollen. Dann war die Operation etwas, an dem man gewachsen ist. Die schweren Monate eine Zeit, in der gelernt werden durfte, das Leben mehr zu schätzen. Die Einschränkungen werden eine neue Perspektive. Ich frage mich oft, warum die schlechte Erfahrung nicht einfach eine schlechte Erfahrung sein darf. Warum suchen wir so schnell danach, was sie uns gegeben hat, statt bei dem zu bleiben, was sie uns genommen hat?


Und das, obwohl ich das manchmal auch sage. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es daran liegt, dass ich die Vergangenheit besser ertragen kann, wenn ich ihr einen Sinn zuschreibe. Weil etwas daraus entstanden ist. Menschen, Arbeit, Gedanken, Beziehungen. Dann fühlt sich das, was passiert ist, weniger sinnlos und weniger negativ an.


Aber was ist, wenn ich gar nicht aus jeder Erfahrung etwas lernen möchte? Denn ich kann das Wissen in mir tragen, dass meine Krankheit mich verändert hat, ohne froh darüber zu sein. Ich kann Menschen kennengelernt haben, die ich nicht mehr missen möchte und mir gleichzeitig wünschen, dass der Weg zu ihnen ein anderer gewesen wäre.


Wenn ich heute auf bestimmte Jahre zurückblicke, kann ich ihnen eine Bedeutung geben, weil ich weiß, was danach kam. Aber die Version von mir, die damals in diesen Jahren gelebt hat, hatte dieses Wissen nicht. Sie wusste nicht, dass aus bestimmten Erfahrungen irgendwann Texte entstehen würden. Dass sie später einmal über ihre Erkrankung sprechen und damit arbeiten würde. Sie wusste nicht, welche Menschen bleiben würden und welche nicht. Dass aus Dingen, die sich damals wie ein Verlust angefühlt haben, irgendwann neue Möglichkeiten entstehen würden.

Sie musste sie einfach erleben.

Und vielleicht liegt genau darin etwas Unfaires: dass wir im Nachhinein so leicht aus dem, was passiert ist, eine Geschichte machen, in der es am Ende doch einen Sinn gehabt haben muss. Als müsste das, was daraus entstanden ist, nachträglich rechtfertigen, dass es überhaupt passierte.


Warum gibt es oft diese Haltung, Menschen mit Erkrankung und/oder Behinderung sollten dankbar sein für das, was das alles mit sich gebracht hat?

Für die neuen Perspektiven. Für die Resilienz. Die Empathie. Die Prioritäten, die sich verändert haben. Als müsste eine Bilanz entstehen, bei der am Ende wenigstens nicht alles im Minus steht. Und ich kenne diesen Wunsch nach einer solchen Bilanz. Ich kenne ihn sogar ziemlich gut. Denn auch ich habe irgendwann angefangen, mein Leben so zu erzählen.

Wenn ich über etwas Schwieriges schreibe, suche ich nach dem Gedanken dahinter. Wenn ich über einen Rückschlag erzähle, gibt es irgendwann diesen Moment, in dem aus dem Erlebten eine Geschichte wird. Ich ordne, ich sortiere, ich gebe Dingen Worte. Das ist ein Teil meiner Arbeit geworden. Vielleicht auch ein Teil davon, wie ich mit meinem eigenen Leben umgehe.

Aber manchmal frage ich mich, ob ich dabei nicht genau das tue, was ich an dieser Erwartung eigentlich schwierig finde.

Ich mache aus Erfahrungen etwas.

Ich mache aus ihnen Texte.

Aus ihnen entstehen Gespräche, Projekte, Begegnungen, manchmal sogar Arbeit.

Und das ist schön.

Aber es bedeutet nicht, dass die Erfahrung selbst deshalb schön gewesen sein muss.

Das eine darf existieren, ohne das andere zu rechtfertigen.


Vielleicht ist das der Unterschied, den ich lange selbst nicht gesehen habe: Etwas kann meinem Leben heute Bedeutung geben, ohne dass es deshalb gut gewesen sein muss, dass es passiert ist.

Ich weiß, was aus meiner Geschichte entstanden ist.

Ich weiß nur nicht, ob ich alles davon gebraucht habe.

Und vielleicht muss ich das auch nicht wissen.

Vielleicht muss ich meine Vergangenheit nicht so lange nach etwas Gutem durchsuchen, bis sie sich wieder ausgeglichen anfühlt.

Vielleicht darf etwas fehlen, ohne dass ich dafür eine Erkenntnis bekomme.

Vielleicht darf ich auf etwas zurückblicken und einfach denken: Ich hätte darauf verzichtet.

Nicht, weil ich mein heutiges Leben nicht liebe.

Sondern weil ich es nicht gegen die Vergangenheit aufrechnen möchte.



 
 
 

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Greta sitzt vor einer weißen Wand und blivkt in die Kamera. Sie hält einen Stift über einem Notizbuch und trägt eine Jacke mit Rauten sowie ihre Haare offen.

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