Was alle (angehenden) Ärzt:innen wissen sollten
"Das ist psychisch und dem Winter geschuldet." Seit siebzehn Jahren gehören Arzttermine und Untersuchungen zu meinem Daily Life. Ich habe viele Menschen im Gesundheitswesen kennengelernt und von hilfsbereit und empathisch zu "Hat der Medizin studiert?" und "Ich hoffe, in die Praxis muss ich nie wieder." war schon alles dabei. In diesen siebzehn Jahren habe ich viel über Medizin gelernt. Aber noch mehr darüber, wie es sich anfühlt, wenn andere Menschen Entscheidungen über deinen Körper treffen.
Und genau deshalb gibt es ein paar Dinge im Umgang mit Patient:innen, die ich allen Ärzt:innen - und denen, die es noch werden wollen - gerne mitgeben würde. Nicht, weil ich nur schlechte Erfahrungen gemacht hätte. Ganz im Gegenteil. Ich habe in diesen siebzehn Jahren auch viele Ärzt:innen kennengelernt, für die ich wirklich dankbar bin. Menschen, bei denen ich mich ernst genommen und gut aufgehoben fühle, die mir zuhören und bei denen ich weiß, dass ihnen nicht nur die Diagnose, sondern auch der Mensch dahinter wichtig ist. Ich weiß daher also, wie es sich anfühlt, wenn medizinische Kompetenz und Menschlichkeit gemeinsam im Raum sitzen.
Patient:innen sind NICHT ihre Diagnose. Ich bin Greta, müde, trotzig, lustig und habe oft keinen Nerv auf den Scheiß. Neben meiner Diagnose bin ich also auch noch ein Individuum, das auch so behandelt werden darf. Meine Diagnose sagt nämlich nicht, wer ich bin.
Ich wünsche mir, dass du uns Patient:innen glaubst. Nicht jede Beschwerde lässt sich sofort objektiv messen. Nur, weil du es nicht messen kannst, heißt es nicht, dass ich es nicht durchlebe.
Ein medizinisch richtiger Satz kann sehr verletzend sein. Du hast keine Vorstellung davon, wie lange wir diese Sätze zum Teil mit uns rumtragen, sie hinterfragen, darüber grübeln und sie uns Angst machen. Wir sprechen auch noch Jahre später über diesen einen Satz, den du beim Rausgehen unbedacht geäußert hast. Für dich war es ein Satz. Für uns vielleicht viel mehr als das.
Patient:innen wissen manchmal mehr über ihren eigenen Körper als du. Ich weiß, wie sich mein Körper normalerweise anfühlt, daher wünsche ich mir, dass du mir erstmal zuhörst, wenn ich sage, dass etwas anders ist. Und ich erwarte übrigens nicht, dass du auf alles eine Antwort hast. Gerade bei seltenen Erkrankungen wirst du vielleicht Dinge sehen, die du so noch nicht kennst. Das gehört dazu. Schwieriger wird es für mich, wenn ich das Gefühl habe, ich müsste deine Unsicherheit mit meiner Sicherheit bezahlen.
Kommunikation kann herausfordernd sein, wenn unterschiedliche Voraussetzungen aufeinandertreffen. Ja, vielleicht dauert es länger. Vielleicht musst du anders formulieren. Vielleicht brauchst du technische Unterstützung oder eine andere Form der Kommunikation. Ich weiß, dass das oft mehr Zeit und Geduld benötigt.
Aber ich sitze trotzdem mit dir im Behandlungsraum. Ich habe Fragen. Ich möchte verstehen, was mit mir passiert. Es ist mein Körper und mein Leben, über das gerade gesprochen wird. Also sprich mit mir. Denn es geht nie nur darum, ob die Untersuchung medizinisch korrekt war und alle Informationen ausgetauscht wurden. Wir erinnern uns vor allem an das Gefühl, wie es war, mit dir im Behandlungsraum zu sitzen.
Sei nicht empathisch wie ein Stück Brot. Für dich ist es eine Fallakte. Eine von unzähligen Untersuchungen. Du gehst danach vielleicht in den Feierabend. Aber wir gehen mit diesem Körper und diesem Leben aus der Praxis. Wir haben oft Angst und nein, du kannst unsere Angst nicht verschwinden lassen und das sollst du auch gar nicht. Aber vielleicht kannst du dafür sorgen, dass wir uns in diesem Moment nicht ganz so allein damit fühlen. Und das ist manchmal schon echt viel.
Du behandelst nicht nur eine Krankheit. Du behandelst jemanden, der danach weiterleben muss. Mit dem Befund. Mit der Diagnose.
Mit den Nebenwirkungen. Mit der Angst vor der nächsten Untersuchung. Mit dem, was du gesagt hast. Und vielleicht auch mit dem, was du nicht gesagt hast.
Vergiss das nicht.
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